Neuland

“diese seltsamen Gegenden…” – 3.Okt.1779, Goethe (im Jura) an Charlotte von Stein:


…..Bald steigen aneinanderhängende Wände senkrecht auf, bald streichen gewaltige Lagen schief nach dem Fluß und dem Weg ein, breite Massen sind aufeinandergelegt, und gleich daneben stehen scharfe Klippen abgesetzt. Große Klüfte spalten sich aufwärts, und Platten von Mauerstärke haben sich von dem übrigen Gesteine losgetrennt. Einzelne Felsstücke sind heruntergestürzt, andere hängen noch über und lassen nach ihrer Lage fürchten daß sie dereinst gleichfalls hereinkommen werden.
Bald rund, bald spitz, bald bewachsen, bald nackt sind die Firsten der Felsen, wo oft noch oben drüber ein einzelner Kopf kahl und kühn herübersieht, und an Wänden und in der Tiefe schmiegen sich ausgewitterte Klüfte hinein.
Mir machte der Zug durch diese Enge eine schöne ruhige Empfindung. Große Gegenstände geben der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, ahndet, wie groß sie selbst sein kann, und das Gefühl steigt bis gegen den Rand, ohne überzulaufen. Mein Auge und meine Seele konnten die Gegenstände fassen, und da ich rein war, diese Empfindung nirgends falsch widerstieß, so wirkte sie, was sie sollte. Vergleicht man solch ein Gefühl mit jenem, wenn wir uns mühselig im Kleinen umtreiben, alles aufbieten, diesem soviel als möglich zu borgen und aufzuflicken und unserm Geist durch seine eigne Kreatur Freude und Futter zu bereiten, so sieht man erst, wie ein armseliger Behelf es ist.
(….)
Am Ende der Schlucht stieg ich ab und kehrte einen Teil allein zurück. Ich entwickelte mir noch ein tiefes Gefühl, durch welches das Vergnügen auf einen hohen Grad für den aufmerksamen Geist vermehrt wird. Man ahnet im dunkeln die Entstehung und das Leben dieser seltsamen Gestalten. Es mag geschehen sein, wie und wann es wolle, so haben sich diese Massen nach der Schwere und Ähnlichkeit ihrer Teile, groß und einfach zusammengesetzt. Was für Revolutionen sie nachher bewegt, getrennt, gespalten haben, so sind auch diese doch nur einzelne Erschütterungen gewesen, und selbst der Gedanke einer so ungeheuren Bewegung gibt ein hohes Gefühl von ewiger Festigkeit. Die Zeit hat auch, nach ewigen Gesetzen, bald mehr, bald weniger auf sie gewirkt.
Sie scheinen innerlich von gelblicher Farbe zu sein; allein das Wetter und die Luft verändern die Oberfläche in Graublau, daß nur hier und da in Streifen und in frischen Spalten die erste Farbe sichtbar ist. Langsam verwittert der Stein selbst und rundet sich an den Ecken ab, weichere Flecken werden weggezehrt, und so gibt´s gar zierlich ausgeschweifte Höhlen und Löcher, die, wann sie mit scharfen Kanten und Spitzen zusammentreffen, sich seltsam zeichnen. Die Vegetation behauptet ihr Recht; auf jedem Vorsprung, Fläche und Spalt fassen Fichten Wurzel, Moos und verwandte Kräuter säumen die Felsen. Man fühlt tief, hier ist nichts Willkürliches, hier wirkt ein alles langsam bewegendes ewiges Gesetz und von Menschenhand ist nur der bequeme Weg, über den man durch diese seltsamen Gegenden durchschleicht. ….

Kalkgrotte in Sancey le long: “la Baume”

Wer sich in diesen “seltsamen Gegenden” ansiedelt, braucht V i s i o n e n .. Was soll denn eigentlich aus Europa werden??

Visionen… und ein bisschen Tatendurst..
…und möglichst wenig romantische Illusionen
…. und immer immer “dranbleiben”….
…dranbleiben, nicht verzagen. Kommt Zeit, kommt Rat.

( Eine Vermutung: diese vier Gesellen – es sind die Brüder Humboldt, Schiller, Goethe – hatten folgendes zu besprechen: den Tod des Menschen durch sein Selbstverständnis als “politischer Staatsbürger“.)

Ja, Europa ist tot, es schläft einen Todesschlaf. Darüber sollten wir Europäer uns keinen Illusionen hingeben. Unsere Kultur ist dem Siechtum verfallen, unser geistiges Leben liegt darnieder, unsere menschlichen Ressourcen beginnen auszudünnen und gebannt blicken wir einer Zukunft entgegen, in der unsere Gesellschaften vergreisen, die wertschöpfende Arbeit einkommenslos wird und arbeitsloses Einkommen in immer weniger Händen zusammenfließt. Gesundheitsversorgung, Rentensysteme, öffentliche Sicherheit, Bildung und Arbeit scheinen gefährdet und Lösungen zeichnen sich in den Endlosschleifen der öffentlichen Palaver kaum ab. Europa schläft den Schlaf der ägyptischen Finsternis, den Todesschlaf im Sarkophag, aber seine Krankheit ist nicht zum Tode. Es ist ein Todesschlaf, der zur Auferweckung führen soll.

(….) 1989 begannen die ost- und mitteleuropäischen Völker, die ein halbes Jahrhundert unter dem Leichentuch des Gleichheitstotalitarismus begraben waren, das brüchig gewordene Linnen abzuwerfen und ihre geschundenen Seelen dem Licht der Sonne zuzuwenden. Die Völker, die einst, vom Geist der Finsternis zum Nationalismus verführt, wesentlich zum Untergang des Habsburgerreiches und des alten Europa beigetragen haben, sollen nun am neuen Europa bauen, indem sie zugleich eine Brücke zum Osten bilden, dessen künftige Bestimmung noch hinter einem Schleier verborgen ist. So wie sie einst unter dem Mehltau der Gleichheit in Lethargie verfallen sind, sollen sie sich aus der Kraft des Freiheitsideals erneuern, und das nach Einheit strebende Europa daran erinnern, daß seine Einheit nur durch Vielfalt leben wird. Aus dem Osten Europas soll das wieder entzündete Licht des Freiheitsbewußtseins, der Schätzung der Individualität und des Rechts auf Verschiedenheit in den Westen leuchten. Die europäische Mitte jedoch muß aus dem Schatten ihrer Geschichte hervortreten, die Last der Schuld von den Schultern schütteln und mit dem durch die Verwüstungen des vergangenen Jahrhunderts gestählten Bewußtsein der Menschenwürde, des göttlichen, unantastbaren Kerns in jedem Menschenwesen als das lebendige Gewissen Europas fungieren. Dem Westen aber wird die Aufgabe zuwachsen, die nach Freiheit strebenden Völker des Ostens und die nach Ausgleich durch das Recht strebende Mitte an ihre sozialen Verpflichtungen zu erinnern, die nicht nur auf Europa bezogen sind, sondern auf die Menschheit der ganzen Erde.

(dies ist ein Auszug aus einem Manifest stammt von Lorenzo Ravagli: Die drei Verwüstungen Europas und seine künftige Auferstehung )